Innenstadtentwicklung: HDE-Brandbrief an Bundesinnenminister


Der Handelsverband Deutschland hat in einem offenen Brief an den Bundesminister des Inneren, für Bau und Heimat, Horst Seehofer mehr Unterstützung beim Thema Innenstadtentwicklung eingefordert. Anderenfalls sehen die Berliner die Zukunft der Innenstadt als Handelsstandort Nummer eins gefährdet.

Innenstadtentwicklung – viel Zustimmung, wenig Unterstützung

Der Brief sei, so der Verband, unter anderem nötig geworden weil „… wir seit Jahren viel Zustimmung in Bezug auf eine gute Innenstadtentwicklung und die bedeutende Rolle des Einzelhandels erhalten, die Bundespolitik den Herausforderungen unseres Erachtens jedoch nicht genug Beachtung schenkt.“

Den gesamten Text des Briefes vom 15.02.2019 von HDE Hauptgeschäftsführer Stefan Genth an den Bundesminister des Inneren, für Bau und Heimat, Horst Seehofer können Sie im Folgenden im Originaltext lesen:

Brief des HDE Hauptgeschäftsführers an den Bundesinnenminister – im Originaltext

” Innenstadtentwicklung aus Sicht des Einzelhandels

Sehr geehrter Herr Bundesminister,

viele Innenstädte in Deutschland sind in höchster Not. Früher attraktive und vitale Zentren verlieren an Zugkraft, vielerorts finden nur noch wenige Menschen den Weg in die Fußgängerzonen und Ladenzeilen.
Das ist auch eine Folge der Umsatzverschiebungen in den Online-Handel, der prognostizierten Schrumpfung der Bevölkerung (Abschmelzen der Konsumentenbasis) sowie innerdeutscher Migrationsbewegungen. Wir erleben deshalb heute in etlichen Kommunen eine deutliche Zunahme der Leerstände. Diese Entwicklung ist in unserer gemeinsamen Studie der räumlichen Auswirkungen des Online-Handels mit dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) bereits 2016 herausgearbeitet worden.

Diese Leerstände bewirken jedoch nicht nur eine Verschlechterung der Versorgungssituation in diesen Kommunen, sie haben Folgewirkungen für die Attraktivität der Innenstädte. Zudem sind damit auch gesellschaftliche Prozesse verbunden, da die höchste Bedrohung der Heimat nach einer Studie des Institutes für Demoskopie Allensbach die Tatsache ist, dass „viele alteingesessene Geschäfte schließen“. Somit wird der Handelsleerstand zu einer sinkenden Identifikation der Bürger mit ihrer (Innen-) Stadt sowie zu einer Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation führen.

Daher müssen dringend Sofort-Maßnahmen ergriffen werden, um diese Entwicklung abzufedern. Die Politik darf diesem Erosions-Prozess nicht länger nur zuschauen. Vitale Innenstädte brauchen eine verbesserte funktionale Körnung, die auch die Rückkehr der Produktion in die Innenstädte erlaubt. Zudem gilt es, die Attraktivität der Innenstädte nicht nur über einen guten Funktions- und Branchenmix zu erhalten bzw. zu erhöhen, sondern auch der Gestaltung im Sinne der Baukultur einen größeren Stellenwert beizumessen.

In etlichen Kommunen werden aber bald nicht mehr genug Verbraucher leben, um den wirtschaftlichen Betrieb von Handelsgeschäften im bisherigen Umfang auch weiterhin zu ermöglichen. In diesen Kommunen muss die bewusste Schrumpfung zu einem Mittel der Stadtplanung werden. Dies wird insbesondere Mittelstädte im direkten Einzugsbereich von Großstädten und Metropolen treffen, da die Kunden infolge des umfassenden und überall verfügbaren Online-Angebotes immer weniger bereit sind, Kompromisse bei der Warenauswahl und -verfügbarkeit zu akzeptieren.

Der Handel hat das erkannt und verknüpft die Vertriebswege online und stationär immer enger miteinander. Zudem werden immer mehr digitale Anwendungen in den Handelsgeschäften vor Ort angeboten. Um den Kunden jedoch die Mehrwerte dieser Verknüpfung insbesondere in den stationären Geschäften anbieten zu können, bedarf es einer zusätzlichen digitalen städtischen Infrastruktur. Der Ausbau öffentlichen WLANs sowie schnellen Internets insbesondere muss deshalb noch stärkere Priorität bekommen. Dies gilt für alle Landesteile, insbesondere den ländlichen Raum.

Anstelle dieser sofort notwendigen Maßnahmen erleben wir zurzeit kontraproduktive Diskussionen über Fahrverbote für die Anfahrtswege zu den Handelsstandorten Nummer eins: den Innenstädten. Der Handel ist davon gleich in doppelter Weise betroffen. Denn Fahrverbote behindern sowohl den Lieferverkehr als auch den Kundenverkehr. Die Handelsunternehmen erwarten nicht nur massive Umsatzeinbußen infolge der Fahrverbote, sondern in der Folge eine weiterhin verstärkte Umsatzverschiebung in den Online-Handel bzw. eine Widererstarkung der städtebaulich und raumordnerisch unerwünschten Grünen Wiese. Hier werden die Bemühungen um die Innenstadtentwicklung der letzten Jahre sowie die Erfolge der Städtebauförderung ad absurdum geführt.

Sehr geehrter Herr Minister, es gilt nun zu handeln und sich den Erfordernissen zu stellen. Lassen Sie uns gemeinsam an der Zukunft der Innenstädte als Handelsstandort Nummer eins zusammen arbeiten. Gerne stehen wir für Gespräch und einen Ideenaustausch zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Genth“

[Text/parfümerienachrichten/Zitat: HDE/Bild: HDE/parfuemerienachrichten]